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Interview mit Dr. David Frawley

Dr. David Frawley (Vamadeva) ist einer der renommiertesten und bekanntesten westlichen Gelehrten der vedischen Wissenschaften, vor allem des Yoga und Ayurveda. Er ist Autor von zahlreichen Büchern und auf der ganzen Welt unterwegs, um das Licht des Wissens in den Herzen der Menschen zu entzünden. Seine engagierten Arbeiten sind sehr breit gefächert. Sie reichen von vedischer Astrologie und Yoga über Tantra, Vedanta und das beinahe unerschöpfliche Gebiet der Veden. David Frawley ist der Direktor des Instituts für Vedische Studien in Santa Fe, New Mexico.

(Interview: Stefan Datt)

Sehr geehrter Mr. Frawley, zuerst möchte ich mich nach Ihrer Gesundheit erkundigen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.

Dr. D. Frawley: Ja, ich kann sagen, ich erfreue mich relativ guter Gesundheit. Natürlich reise ich viel und tue die unterschiedlichsten Dinge. Deshalb sollte ich gesund bleiben, um alle Vorhaben durchführen zu können.

Sie beobachten Die "Yoga-Welt" schon lange. Bitte sagen Sie mir: was führt einen Menschen zu Yoga, oder durch was könnte man inspiriert werden, mit Yoga zu beginnen?

Dr. D. Frawley: Nun, da gibt es viele Dinge. Ich meine, Yoga hat viele Aspekte, und es gibt viele Wege, Zugang zu Yoga zu finden.
Ich denke, dass die meisten westlichen Menschen davon angezogen werden, dass Yoga ein System totalen Wohlbefindens darstellt. Dass es viele Wege beinhaltet, nicht nur den Körper zu harmonisieren, sondern auch den Atem, den Geist, das Bewusstsein, und es ist eine Form sehr entspannender Übungen, die viel eher Spannungen abbauen, als sie zu schaffen. Es ist eine sanfte, freundliche Art, die den Menschen erlaubt, gut mit sich selbst und anderen umzugehen. Und es ist natürlich eine sehr alte Tradition mit reichhaltiger, großartiger Literatur und mit vielen Yoga-Meistern, die als Vorbild gelten. Es gibt also viele Dinge, die Menschen zum Yoga führen können.

Bitte erlauben Sie mir eine persönliche Frage. Was hat Sie selbst zum Yoga gebracht? Was war der entscheidende Punkt? Entsinnen Sie sich an den Augenblick, als Sie sich entschieden haben, Yoga zu studieren?

Dr. D. Frawley: Ja, bei mir war das so: mein Interesse begann in den späten Sechzigern, als ich fast zwanzig Jahre alt war. Es gab damals viele Yoga-Lehrer, und in der westlichen Welt begann man, sich für die Yogalehre zu interessieren. Ich hatte damals schon philosophische Gedanken, und was mich wirklich zu Yoga hinzog war, das Interesse, mit den Lehren der großen modernen Yoga-Meister in Kontakt zu kommen. Personen wie Yogananda, Aurobindo, Ramana Maharishi. Die Erfahrungen des spirituell verwirklichten Meisters und die lebendige Lehre treffen hier gleichzeitig zusammen. Wir hatten seinerzeit gelernt, dass im Westen Religion etwas war, das mehrere tausend Jahre alt war. Die Vereinigung mit dem Göttlichen war die Sache von einigen Heiligen oder Propheten. Im heutigen Yoga haben mich deshalb diese Menschen, diese modernen Yoga-Meister wirklich inspiriert.

Damals waren Sie so ungefähr neunzehn Jahre alt?

Dr. D. Frawley: ungefähr achtzehn ... ja, ich wurde 1950 geboren.

Da waren Sie also eigentlich recht jung, nicht wahr?

Dr. D. Frawley: Ziemlich jung (lacht) ja – aber es war die Generation, die mehr mit dem spirituellen als dem physischen Yoga in Verbindung kam. Der physische Schwerpunkt des Yoga kam dann erst in den siebziger und achtziger Jahren.
Die Gurus lehrten zu dieser Zeit nicht nur Asanas, die Yoga-Übungen, sondern auch kleine Mantras, Meditation, Atemübungen. Swami Vishnu-devananda war in dieser Zeit unterwegs. Damals war es hauptsächlich die mystische und spirituelle Lehre, mit der wir es zu tun hatten. Ich hatte bereits einen ausgeprägten philosophischen Sinn. Die Philosophie des Karmas, des selbstlosen Dienens, der Wiedergeburt, sowie der Selbstverwirklichung hatte für mich eine ganz besondere Bedeutung. Als ich herausfand, dass das Gesetz des Karma – von Ursache und Wirkung – das Leben wunderbar erklärte, da hat es "Klick" gemacht!

Geschah etwas ganz Besonderes mit Ihnen in den jungen Jahren?

Dr. D. Frawley: Ja, das Besondere, was mir passierte, war, dass ich all die Lehren der Verkünder der Selbstverwirklichung aufnahm, und ich begann, Kriya Yoga zu praktizieren – und tatsächlich hatte ich all diese innerlichen mystischen Erfahrungen, es war außerordentlich erstaunlich. Ich praktizierte ein paar Mantras und Atemübungen, schon begann die großartige Erfahrung, das Körperbewusstsein zu verlassen und die Energien bewegten sich in der Wirbelsäule hinauf und hinunter. Wissen Sie, da konnte ich feststellen, dass diese Erfahrung Wirklichkeit war und nicht nur irgendeine Übung.

Und ist es heute noch die gleiche Energie, die Sie noch immer weiter vorantreibt?

Dr. D. Frawley: Ja, absolut. Die Energie wächst und die Erfahrungen wachsen. Außerdem hat mein Verständnis für die Yoga-Tradition zugenommen, sodass ich viele Aspekte des Yogas tatsächlich empfinden kann. Ayurveda, Jyotish, Vastu, all das sind wunderbare Zeichen des Lebens.

Ich möchte gern wissen, ob Sie eine persönliche Vorliebe für eine oder mehrere Zitate oder Slokas der Yoga-Schriften haben?

Dr. D. Frawley: Für mich sehr wichtig... nun, da gibt es bestimmte vedische Mantras, die wir singen. Wir arbeiten auch oft mit den Bhija Mantras, wie zum Beispiel den Mantras für die zehn Erscheinungsformen der Göttin. Über einige sehr wichtige Lehren aus der großen Schriftensammlung der Vedas und aus den Upanishaden denke ich häufig nach.

Also immer wieder zu den Grundlagen der Philosophie?

Dr. D. Frawley: Ja, immer wieder zurück zu den Mahavakyas, den großartigen Sprüche wie Aham Brahma Asmi, Tad Twam Asi, Ayam Atma Brahma – Du ist Brahman, das Selbst, Du bist Das. Auch das Hamsa Mantra und die Mantras des Rishi Vamadeva sind eine Quelle der Inspiration für mich.

Wer gab Ihnen eigentlich Ihren spirituellen Namen – Vamadeva?

Dr. D. Frawley: Den habe ich tatsächlich selbst ausgewählt. Ich arbeitete damals mit meinem wichtigsten Ayurveda-Lehrer, Dr. B. L. Vashta, und er wollte die Namen-Zeremonie durchführen. Er bat mich, einen Namen auszuwählen, und dieser kam mir in den Sinn. Außerdem arbeiteten wir mit einem Avadhuta Shastri, der der wichtigste Lehrer in dieser Region Indiens war. Und er war damit einverstanden. Vamadeva war einer der großen vedischen Seher, ein Rishi. Ein Seher aus dem vierten Buch der Vedas. Das war unter den Upanishaden sehr berühmt.

Der Seher aus dem vierten Buch der Vedas?

Dr. D. Frawley: Rig Veda besteht aus zehn Büchern. Vamadeva ist der Seher aus dem vierten Buch. Außerdem ist Vamadeva ein Name für Shiva. Das nach Norden gerichtete Gesicht von Shiva nennt man Rama Vamadeva. Er ist der Seher von sehr, sehr vielen wichtigen Mantras.

Wie kamen Sie zu dem umfassenden Wissen so vieler verschiedener Dinge aus der Indischen Kultur?

Dr. D. Frawley: Vielleicht habe ich bei vielen Dingen mehr nachgeforscht als andere Leute. Allerdings erzähle ich auch manchmal, dass ich ein "wiedergeborener Hindu" sei (lacht). Weil einiges Wissen von der "anderen Seite" des Lebens zu kommen scheint (lacht). Das erste Buch, das ich herausgegeben habe, behandelte meine Kommentare zu den Upanishaden. Und das hatte ich in meinen späten Zwanzigern geschrieben. M. P. Pandit, der Geschäftsführer des Sri Aurobindo Ashrams, ließ das Buch in Indien publizieren. Er sagte damals über mich, dass jemand, der solch ein Buch schreiben kann, schon in seinem vorherigen Leben damit zu tun gehabt haben muss, denn ein so junger Mann wie ich, der in Amerika geboren worden ist, könne nicht diese Kommentare zu den altehrwürdigen Upanishaden - und besonders zu den älteren und obskureren – schreiben, wenn er sich nicht auf ein Hintergrundwissen aus der damaligen Zeit stützen könne. Ich kann das nicht beurteilen. Ich tat einfach, was ich tun musste. Rückblickend ist mir dann allerdings aufgefallen, dass niemand in unserer Generation derart über diese Dinge geschrieben hat.

So kam das alte Wissen zu Ihnen zurück?

Dr. D. Frawley: Na ja, für mich kommt dieses Wissen aus meinem Inneren heraus. Das Wissen kommt von innen – nicht von außen. Und aus der Meditation. Ich sage manchmal zu meinen Zuhörern, dass man zu allen Gedanken kommen kann, wenn man die Schlüsselprinzipien beachtet und darüber meditiert. Man muss nicht alle Einzelheiten in allen Büchern und Kommentaren lesen, weil die grundlegenden Einsichten in einem Selbst liegen, wie die Gunas, die Doshas, die Elemente und die Chakren. Das sind Dinge, die man erleben kann. Sie sind die Philosophie. Yoga habe ich hauptsächlich durch die Natur gelernt, denn das sind die Kräfte der Natur. Shiva-Shakti ist auch der Berg und der Bergsee oder der Berg-Strom. Das sind alle Kräfte, die in der Natur existieren. Das hat mit Hindu- Götter und Nicht-Hindu-Götter nichts zu tun. Auch die Yoga-Asanas, die Übungen des Yoga, entwickelten sich aus der Beobachtung der Tiere und sogar aus dem Abbild der Bäume. Yoga ist die Religion der Natur, die verbindet, integriert, zusammenfügt. Das beruht nicht auf einem persönlichen Dogma, einer Ideologie, einem Glaube. Es basiert auf dem Wissen, wie die Natur arbeitet. Im Ayurveda beobachten wir die Doshas: Feuer, Wasser, Erde, also die Kräfte der Natur, in uns. Sie sind in der Tat biochemische Konzepte und keine Erfindungen einiger Wissenschaftler (lacht).

Das Verstehen und Verständnis für die Natur – dieses Wissen scheint für unser tägliches Leben absolut relevant zu sein. Ein Thema, für das Sie voll einstehen ist, das traditionelle Wissen in den modernen Alltag des Menschen zu bringen.

Dr. D. Frawley: Ja. Im Yoga erfahren wir eigentlich alles über unser tägliches Leben. Immer atmen wir; immer unternehmen wir etwas mit unserer Energie. Deshalb lernt man mit den Atemtechniken Pranayama, wie man atmet und die tieferen Energien des Lebens miteinander verbindet. Jeder Mensch vollführt ständig Bewegungen und Haltungen, und die Asanas, die Yoga-Übungen, sind ein ideales Mittel, mit sanften Bewegungen und Haltungen den Körper zur Ruhe zu bringen und somit auch den Geist. Erst Lösen von Spannungen, dann Energie, dann Meditation – man denkt ständig über etwas nach. Also warum soll man nicht lernen, seinen Geist zu nutzen, um größeren Frieden und tiefere Wahrnehmung zu erreichen. Mit Yoga kann man das erreichen. Ayurveda lehrt uns, welches die richtigen Nahrungsmittel für uns sind. Was ist das richtige Umfeld, in dem wir uns bewegen sollten. Die Lehren gelten für das ganze Leben und für alles, was wir tun. Sie zeigen uns, die Jahreszeiten zu verstehen und die Stationen des Lebens: Jugend, mittleres Alter, das Alter und auch den Tod.

Geben Sie Ihr Wissen weiter? Haben Sie ein besonderes Unterrichts-System? Geben Sie Kurse? Können Menschen zu Ihnen kommen?

Dr. D. Frawley: Nun, wir haben viele Möglichkeiten. Wir haben eine ganze Reihe Bücher – über dreißig Bücher. Wir halten auch Kurse ab, schriftliche Kurse, Fernunterrichts- Programme, Trainingsprogramme, Seminare und Schulungen. Wir tun die vielfältigsten Dinge. Ich habe auch dabei geholfen, anderen Schulen den Start zu erleichtern. Dort unterrichte ich nicht so viel, aber ich habe bei den Lehrplänen in amerikanischen Colleges geholfen.

Arbeiten Sie auch mit Menschen auf einer sehr privaten und persönlichen Basis? Haben Sie persönliche Schüler?

Dr. D. Frawley: Ich arbeite mit einigen wenigen Leuten auf einer privaten und persönlichen Basis. Mit sehr wenigen. Ja, Sie können das Schüler nennen, obwohl ich immer lieber auf dem Niveau von Freunden oder Kollegen tätig bin. Ich würde gern einen Studenten mit einer großen Motivation finden, so dass man ihn nicht immer zu irgend etwas anregen muss, sondern dass ich wirklich hilfreich zur Seite stehen und als Teilhaber am Lernprozess und als Helfer bei den Arbeiten auftreten kann.

Führen Sie auch Behandlungen durch? Können Leute zu Ihnen kommen, um sich behandeln zu lassen?

Dr. D. Frawley: Jetzt führe ich keine Behandlungen mehr durch. Ich habe das früher getan. Wir haben ayurvedische Ärzte, die wir empfehlen können, aber selbst habe ich einfach nicht die Zeit. Wenn man wirklich Behandlungen machen will, muss man sich darauf voll und ganz konzentriere. Man kann nicht für sechs Monate auf Reisen sein und den Patienten bis zur Rückkehr vertrösten.

Glauben Sie, Ihren eigenen Körper heilen zu können, wenn sich ernsthafte Probleme einstellen?

Dr. D. Frawley: Oh, sicherlich. Das ist möglich. Es ist aber auch immer gut, jemand anderen zu haben, der einem bei der Heilung eigener Beschwerden helfen kann, weil es immer ein bisschen schwieriger ist, etwas bei sich selbst zu erkennen. Ich verwende häufig die Astrologie. Die Astrologie kann uns helfen, Trends vorauszusehen, die sich entwickeln werden. Und dann kann man es in dieser Richtung anpacken.

Sie sind nun zum ersten Mal in Berlin, und Sie haben das Berliner Yogafestival besucht. Was denken Sie über das Festival und über Berlin?

Dr. D. Frawley: Bei dem Yogafestival hatten wir so viele Studenten und Zuhörer bei den Vorträgen, die mit höchster Konzentration meinen Ausführungen folgten. Meine Vorträge waren ziemlich komplex, und es war ja nicht gerade der Stoff für eine "Anfängerklasse". Ich sprach über Themen, die esoterische, tiefere und sehr komplexe Aspekte – ja sogar philosophische Dinge – behandelten. Und ich habe wirklich kaum jemanden den Vortrag vorzeitig verlassen sehen (lacht). Es war wirklich eine der größten Zuhörergruppen, die ich je hatte. Jeweils über zwei Stunden war eine große Konzentration und Aufmerksamkeit zu spüren. Im gesamten Yogafestival konnte ich viele schöne Dinge beobachten. Vielfältige Angebote und große Zuhörerschaften. Ich sah und hörte viele Mantras und Gesänge, die wirklich großartig waren. Meine ehrliche Gratulation zu solch einem großartigen Festival. Um mir Berlin anzuschauen, hoffe ich, ein wenig mehr Zeit zur Verfügung zu haben.

Welche Fragen werden Ihnen am häufigsten in solchen Interviews gestellt?

Dr. D. Frawley: Oft werde ich gefragt, wie ich in diesen vielen verschiedenen Gebieten aktiv sein kann, (lacht). Allerdings sind alle Gebiete verwandt, alle beschäftigen sich mit vedischen Ideen, sei es Ayurveda, Yoga, seien es die Vedas oder das alte Indien. Selbst die Astrologie spricht über die Gunas und die Elemente und andere gleiche Prinzipien.

Dr. Frawley, könnten Sie uns bitte das Ida und Pingala System erklären. Manches Mal lese ich, dass diese zwei wichtigen Energiekanäle entlang der Wirbelsäule sich in allen Chakren kreuzen, in anderen Schriften kann man lesen, dass sie nur drei Mal kreuzen, z.B. im dritten Auge und das sie im rechten und im linken Nasenloch enden. Andere wiederum sagen, dass sie geradeaus entlang der Wirbelsäule verlaufen. Was wissen Sie über die Energiebahnen?

Dr. D. Frawley: Richtig, das Thema ist oft unklar. Als erstes muss man verstehen, dass die Kanäle Energie sind. Es sind keine körperlichen Dinge. Manchmal möchten wir, dass die Chakren wie physische Organe sind. Jedes sollte einen bestimmten Platz, eine gewisse Größe und eine bestimmte Farbe haben. Eben so, als wären sie körperliche Dinge. Sie sind es nicht. Sie sind pure Energie. Es sind Energiewirbel; und weil diese Energien im Körper existieren, existieren sie auch im Geiste. So kann man sie auch leicht abgeändert körperlich empfinden. Dazu muss man verstehen und anerkennen, dass vielfältige Erfahrungen möglich sind. Manche Yogis empfinden die Chakren nicht, sie bleiben quasi im Herzen. Oder sie bleiben in der gefüllten Leere. Ida und Pingala ist normalerweise ein rechts-links-Fluss von Energie. Nun glaubt man, sie kreuzen oder bewegen sich in verschiedene Richtungen. Energie ist nicht auf einen Ort begrenzt. Energie kann manchmal durch alle Chakren zirkulieren, möglicherweise ist die Energie auf einer Ebene dominierend und führt an einer Seite hinauf oder an der anderen. Es gibt eine rechts-links-Trennung der Energie zwischen den Ohren, den Augen und auch den Nasenlöchern und den rechten und linken Händen, den Füßen und so weiter. Das ist dieses Grundmuster rechts-links, die Sonnen-Mond-Hälften des Körpers, die reflektiert werden und die ausbalanciert werden müssen.

Sie meinen, mein rechtes Auge ist solar?

Dr. D. Frawley: Ja, absolut.

Und auch der rechte Arm? oder kreuzen sich die Bahnen dann?

Dr. D. Frawley: Nein, auch der rechte Arm. Die ganze rechte Seite. Zum Beispiel: die Leber ist mehr in der rechten Seite des Körpers, und sie ist mehr Pitta, das Feuer-Organ. Und in der linken Seite ist mehr der Magen, der ist mehr Kapha, ein Ernährungs-Organ. Und sogar in den Upanishaden ist die Erkenntnis, dass die Seele im rechten Auge wohnt im Wachzustand, während im linken Auge die Vorstellungskraft regiert. Sehen Sie, das rechte Auge ist mehr für die Wahrnehmung. Da gibt es diese solar-lunar, männlichweibliche Balance der Energien rechts und links. Das zeigt sich auch darin, dass wir mehr dazu tendieren, mit der rechten Körperseite mehr aktiv zu sein.

Dr. Frawley, warum gibt es heutzutage so viele verschiedene Yoga-Richtungen, und welche ist gut für wen?

Dr. D. Frawley: Nun ja, zuerst muss man sagen, dass die meisten Leute unter verschiedenen Yoga-Arten die Asanas, die Übungen, meinen; und ganz offensichtlich können die Übungsmethoden da sehr zahlreich sein. Eine Person erfindet eine bestimmte Übungsfolge, eine andere Person erfindet eine leicht abgewandelte Übungsfolge. Eine Person legt mehr Wert auf Bewegungen, eine andere unterrichtet mehr die statischen Positionen. Die Möglichkeiten, unterschiedliche Stile zu unterrichten, sind sehr, sehr groß. Einer unterrichtet in einem sehr heißen Raum, ein anderer vielleicht in einem Baum ... man ändert eine Kleinigkeit, und schon ist es ein neuer Stil, so geht das (lacht) Und dann gibt man dem ganzen einen Namen und ein Trademark. Man kann ausprobieren, was am besten zu einem passt. Ich kann nicht behaupten, alle Stilrichtungen zu kennen und kann deshalb auch nicht sagen, was für wen am besten ist ...
Wenn wir über die großen Yoga-Richtungen sprechen: Jnana Yoga, Bhakti Yoga – diese werden sich nie ändern. Hatha Yoga und Raja Yoga sind weitverbreitete Yoga-Konzepte. Man kann viele Arten von Pranayama – Atemtechniken, viele Arten von Meditation unterrichten. In der modernen Welt muss man seinen eigenen Stil haben, um sich gut vermarkten zu können (lacht). Um also ein finanziell erfolgreicher Yogalehrer zu sein, muss man ein Markenzeichen schaffen. Im traditionellen Yoga gibt es wirklich keine Markenzeichen. Im traditionellen Yoga gibt es keine nach einer Person benannte Yoga-Stilrichtung.

Haben Sie auch etwas Neues erfunden?

Dr. D. Frawley: Ich – etwas Neues erfunden? (lacht)
Nun, ich habe auch meine eigenen Ideen. Einige Sachen habe ich im Yoga und Ayurveda zusammengefügt ... zum Beispiel die Idee, die Doshas und die Gunas miteinander in Beziehung zu setzen. Eine andere Sache, auf die ich viel Arbeit und Begeisterung verwendet habe, ist eine bessere und ausführlichere Erklärung von Prana, Tejas und Ojas zu finden und wie die Zeichen und Symptome dafür sind. Wir haben auch verschiedene Praktiken speziell für die Mantras und die Atemübungen entwickelt, obwohl das nicht alles in den Büchern steht. Ich versuchte, Dinge in der klassischen Art weiterzuführen und doch nicht unbedingt alles immer wieder unverändert zu wiederholen. Wir haben auch daran gearbeitet, westliche Heilkräuter mit ayurvedischen Konzepten in Verbindung zu bringen; hier versuchen wir also auch, innovativ zu arbeiten.

Bezüglich der Heilpflanzen: In Yoga-Schriften sind Kräuter meistens von Indischer Herkunft beschrieben, einige davon sind frisch zu verwenden. Jetzt beschreiben Sie auch die Pflanzen, die hier wachsen.

Dr. D. Frawley: Das war etwas Neues. Ayurvedische Bücher und Ärzte haben immer versucht, ein Verständnis für die Nahrungsmittel, die Medizin und die klimatischen Bedingungen, in denen die Menschen leben, zu schaffen. Es gibt da ganz oft eine Verbindung, denn viele Kräuter sind überall bekannt oder zumindest die Kräuter-Familie oder der Typ oder Kräuter mit einem ganz speziellen Geschmack. Das sind Dinge, an denen man arbeiten kann.

Haben Sie das Gefühl, dass es quasi eine Erneuerung alter Traditionen gibt?

Dr. D. Frawley: Ja, das ist so. Zumindest in dem Sinn, dass in den letzten Jahren viel mehr Interesse deutlich geworden ist. Man sieht viel mehr Menschen in den Tempeln, und die Pilgerreisen haben sehr stark zugenommen. Selbst die neue Mittelklasse in Indien scheint sich auf die Wurzeln zu besinnen. Viel mehr als die vorherige Generation. Ich habe beobachtet, dass viele gute Bücher herausgegeben wurden über Astrologie und über Ayurveda. Allerdings können wir auch beobachten, dass weniger große spirituelle Meister hervorragen, wie es zum Beispiel vor fünfzig Jahren der Fall war.

Es gibt einen weit verbreiteten Mythos in Indien, dass die "alten Zeiten" so fantastisch waren.

Dr. D. Frawley: Aber sie waren es auch! Nicht alle alten Zeiten ... aber manche der sehr alten Zeiten (lacht)

Ich möchte gern wissen, ob es neue Wege in der Spiritualität des heutigen Indiens gibt?

Dr. D. Frawley: Nun, die Spiritualität in Indien hat sich durch alle Jahrhunderte erhalten und hat auch ihre Beständigkeit bewahrt. Im Westen sind viele Religionen aufgetaucht und wieder vergangen. Viele Lehren kamen und verschwanden wieder.

Ja, seit den sechziger Jahren sind so viele Westler nach Indien gegangen. Haben die westlichen "Yoga-Touristen" nicht einiges dort verändert?

Dr. D. Frawley: Ja, das haben sie. Geistig und sogar im Bereich des Yoga. Allerdings hat Indien die Kraft, vieles zu assimilieren. Ich selbst bin da in einer interessanten Position, weil ich als Westler über die Vedas spreche. Inder hören lieber mir zu als einem ihrer eigenen Landsleute, die doch so viel besser sind. Ich denke, das ist so, weil es ihnen ein gutes Gefühl gibt, eine weißhäutige Person über ihre indischen Vedas sprechen zu hören. Wenn einer ihrer indischen Experten zu ihnen spricht, heißt es "er ist nur ein Experte". So ist das. So konnte ich mit meinem Erscheinen eine Brücke zwischen Ost und West bauen. Wissen Sie, wenn wir an Indien denken, denken wir an die spirituelle Seite von Indien. Aber Indien hat so viele Seiten. Zum Beispiel hat Indien den stärksten Marxistischen Einfluss aller Länder in der heutigen Welt. Bengalen und Kerala sind heute noch unter kommunistischer Regierung. Und kommunistische Akademiker kontrollieren viele Universitäten in Indien. Es ist immer noch angesagt, ein Kommunist zu sein, wenn man zur Uni geht. Wenn man ein Hindu ist, kann es passieren, dass man keinen Job bekommt. Ich wiederhole – Indien hat viele Seiten, und es gibt eine breit gefächerte Geschäftswelt hier. Es gibt indische Muslime, indische Christen, es gibt Menschen in Indien, die leben noch fast wie in der Steinzeit, und im Gegensatz dazu findet man hier auch nahezu alle modernen Dinge, die es im Rest der Welt gibt. Es gibt wirklich die unterschiedlichsten Aspekte. Manchmal muss ich die Vedische Kultur gegen andere Inder verteidigen (lacht). Ich entsinne mich an eine Konferenz, da waren neun indische Ärzte im Gremium und ich als einziger Vertreter für Ayurveda. Da hat die moderne Medizin absolut dominiert, und Ayurveda war arg im Hintertreffen. Auch das sind unterschiedliche Sichtweisen in Indien. Aber es gibt natürlich noch viele große Lehrer und vielfältige tiefe Weisheit, und viele Menschen interessieren sich für Spiritualität. Selbst Menschen, die normalerweise als Geschäftsleute und Wissenschaftler arbeiten, tragen diese Seite im Geiste. In der Tat ist es seltsam, wie Indiens Erziehungssystem aufgebaut ist. Wir stellen fest, dass mehr Geschäftsleute und Wissenschaftler an spirituellen Dingen interessiert sind, als zum Beispiel Universitäts-Professoren. Viele Geschäftsleute verehren Lakshmi, sie verehren Vishnu, und sie geben Geld für die Gurus. Damit zeigen sie, dass sie ein großes Interesse an ihren Traditionen haben.

Bitte zeigen Sie uns die Quintessenz Ihrer Arbeit auf und Ihrer Botschaft an die Menschen.

Dr. D. Frawley: Gerne. Ich würde sagen, dass Yoga und Ayurveda die allgemein verbreitete Lehre ist, die ihre Wurzeln in der Natur hat und auch in der göttlichen Prophezeiung. Es ist etwas, das jeden betrifft und auch für jeden fassbar ist. Es hilft zu dem Verständnis, wer Du bist, wo Du lebst, was Du tust und wie Du besser in Harmonie leben kannst. Jeder kann davon profitieren. Wir müssen uns nur mit offenen Sinnen damit befassen und bereit sein, es anzunehmen. Es gibt dabei kein Dogma, dem man folgen muss. Die Lehren zeigen Dir, wie Du Dein Leben besser gestalten kannst, typgerecht nach den Doshas und der Lebensenergie, die um Dich herum ist. Die Einteilung in die Ayurveda- Doshas ist kein Konzept, in das Du gequetscht wirst. Und da wir uns mehr und mehr in die Richtung einer planetaren und globalen Gesellschaft bewegen, brauchen wir ein System der Medizin, das die ganze Natur widerspiegelt. Wir brauchen eine Annäherung an eine Spiritualität, die individuellen Spielraum lässt und nicht einfach einen Massenglauben verordnet. Das ist es, was Yoga anbietet. Neue Möglichkeiten, um das Leben zu erfahren, die Realität und die Wahrheit.

Dr. Frawley, ich bedanke mich vielmals für die Zeit und für die offenen Worte, die Sie uns geschenkt haben.

Dr. D. Frawley: Und ich möchte Ihnen für die Einladung zum Berliner Yogafestival danken und freue mich auf ein Wiedersehen.

© Stefan Datt

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